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Typisch westfälisch

Typisch westfälisch

Bauernmädchen mit zwei Pumpernickelbroten, 1919, Foto: Heinrich Genau, LWL-Medienzentrum

Ein Strandcafé, irgendwo im Ausland, ungezwungen plaudert man mit Einheimischen. Dann kommt die unvermeidliche Frage: „Woher kommst Du?“ Antwort: „Aus Westfalen.“ ??? Ich hätte auch Havixbeck sagen können, Hemer, Hilchenbach oder Hövelhof, der nichtwissende Blick wäre der gleiche gewesen. Ganz anders wäre es, wenn ich aus Unterhaching käme, dann hätte ich einfach Bayern gesagt und ein wissendes Nicken geerntet. Das Kopfkino wäre angesprungen und hätte jede Menge bekannte Klischees abgespult: Berge, Bier und Lederhosen, Knödel, Haxen und Hofbräuhaus, Gamsbart und weiß-blaue Gemütlichkeit, starker Fußball und ebensolche Autos…
Welche Klischees tauchen beim Wort Westfalen auf, zu mindestens bei denen, die es geografisch zuordnen können?

Klischees und Gemeinsamkeiten
Es ist die Region rechts vom NRW-Bindestrich. Dort trinkt man Korn, isst Pumpernickel und Schinken dazu. Die Menschen sind eher stur, arbeitsam und reden nicht viel. War’s das schon? Und wer ist eigentlich Westfale? Ein Blick auf die Karte zeigt: Westfalen wohnen im Sauer- und Siegerland, in Wittgenstein und Ostwestfalen, in Minden-Ravensberg, natürlich im Münsterland aber auch im östlichen Ruhrgebiet.
Was aber haben beispielsweise die Gelsenkirchener und die Münsteraner, die Paderborner und die Siegener gemeinsam? Gibt es da etwas? Das ist ein Thema der Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“. Die Ausstellungmacher/innen untersuchen, ob die Menschen in Westfalen etwas verbindet und zeigen, dass auch gern genommene Stereotype sich im Lauf der Zeit wandeln.

Dichtung und Wahrheit?
Der Dichter Heinrich Heine beispielsweise, lobte Mitte des 19. Jahrhunderts seine „lieben, guten Westfalen“: „Ein Volk, so fest, so sicher, so treu, ganz ohne Gleißen und Prahlen (…) Sie fechten gut, sie trinken gut. Und wenn sie die Hand dir reichen, zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; sind sentimentale Eichen.“*
Etwa zur gleichen Zeit beschrieb Dichterfürstin Annette von Droste-Hülshoff Land und Leute in ihrem Essay „Bilder aus Westfalen“ ** :
Der Sauerländer ist ungemein groß und wohlgebaut, (…) Seine Physiognomie ist kühn und offen, sein Anstand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten als irgendeinen seiner Mitwestfalen (…)
Den Paderborner beschreibt die Freifrau aus dem Münsterland so: Nicht groß von Gestalt, hager und sehnig, mit scharfen, schlauen, tiefgebräunten und vor der Zeit von Mühsal und Leidenschaft durchfurchten Zügen, fehlt dem Paderborner nur das brandschwarze Haar zu einem entschieden südlichen Aussehen. (…) Selbst der Roheste ist schlau und zu allen Dingen geschickt, weiß jedoch selten nachhaltigen Vorteil daraus zu ziehen, (…) – jeder erübrigte Groschen, den der Münsterländer sorglich zurücklegen, der Sauerländer in irgendein Geschäft stecken würde, wird hier am liebsten von dem Kind der Armut sofort dem Wirte und Kleinhändler zugetragen, und die Schenken sind meist gefüllt mit Glückseligen, die sich einen oder ein paar blaue Montage machen …

Keine Pralinen an der Lenne
Auch heute noch sind die Regionen der „Heimat Westfalen“ ein Thema für Literaten und Musiker, Comedians und Poetry Slammer.
1984 brachte die Band ZOFF eine freche, laute Hymne für das Sauerland heraus – in der Region ein Kult-Song –  und dichtete ironisch und wild:
Wo die Misthaufen qualmen, da gibt’s keine Palmen.
Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland,
vergrabt mein Herz im Lennesand …
Tempo- aber nicht eben glorreiche Worte fand Fabian Navarro, der Gewinner des WestfalenSlam 2014, in seinem Text „Im Vorgarten Eden“ :
„Das Leben ist hier einfach keine Schachtel Pralinen“, dichtet er, „es ist ein Sack Kartoffeln – man weiß, was man kriegt – langweilig und wenig artenreich.“

Als nächstes geht es in unserem Blog um ….
Bis dahin halten wir es mit Heinrich Heine und wünschen allen Westfalen:

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
Er segne deine Saaten,
Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten. *

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

* Deutschland. Ein Wintermärchen, Heinrich Heine, 1844, Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/deutschland-ein-winterm-383/1

** Bilder aus Westfalen, Annette von Droste-Hülshoff, 1840, Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/bilder-aus-westfalen-2841/2

 

  • Datum 23. Januar 2019
  • Schlagwörter Features