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Carl Berg und der Traum vom Fliegen

Carl Berg und der Traum vom Fliegen

Postkarte: Das neue Luftschiff „Deutschland“ über Dortmund, 1910, C. L. Krüger GmbH, Dortmund, MKK, Reprofotografie: Jürgen Spiler

Carl Berg hatte Geld, Visionen und Pioniergeist. Der erfolgreiche Unternehmer aus Lüdenscheid war Geburtshelfer des ersten Zeppelins, und seine Firma lieferte Jahrzehnte lang Material für die Giganten der Lüfte.
Aber der Reihe nach. Man schrieb das Jahr 1889. Es war Weltausstellung in Paris, und Carl Berg fuhr hin. Zurück in Lüdenscheid, so wird es kolportiert, überreichte er seinem Buchhalter ein Stück Aluminium mit den Worten: „Es ist so teuer wie Silber. Schließen Sie mir es vorerst in den Geldschrank!“

Ein Stoff zum Abheben: Silber aus Lehm
Das industriell gefertigte, super leichte „Silber aus Lehm“ war eine Sensation. Berg war fasziniert. Er experimentierte mit dem neuen Werkstoff und wurde zum Wegbereiter für die weiterverarbeitende Alu-Industrie. Bereits 1894 meldete er eine Aluminium-Legierung zum Patent an. Jetzt galt es, neue Märkte und ertragreiche Verwendungsmöglichkeiten zu finden.
So ist es nicht verwunderlich, dass eines Tages David Schwarz bei Berg vor der Tür stand. Der kroatische Holzhändler (eine geheimnisumwitterte Gestalt) wollte ein lenkbares Luftschiff bauen. Das hätte eine Lizenz zum Gelddrucken werden können, denn insbesondere das Militär war äußerst interessiert, hatte man doch bereits im deutsch-französischen Krieg von 1770/71 mit Ballonen als Transportmittel experimentiert. Eine eher unerfreuliche Erfahrung, da deren Landepunkt ja stets ungewiss war.

Die Riesenzigarre macht erste Flugversuche
Schwarz und Berg wurden Partner. Der eine hatte die Idee, der andere das Geld und das Material. Und bereits in den frühen 1890er-Jahren wurden im westfälischen Eveking bei Werdohl Aluminiumteile für das Gerüst und die Außenhaut eines großen Luftschiffs produziert. In St. Petersburg sollte es aufsteigen. Der Versuch misslang, und die Geldgeber im russischen Kriegsministerium zogen sich zurück. Doch Schwarz gab nicht auf. Gemeinsam mit Berg und unterstützt vom Preußischen Militär startete er den zweiten Versuch. Dieses Mal auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. In einer eigens errichteten Halle wurde ein 38 Meter langer, zylinderförmiger Körper, dessen Hülle aus gasdichten Alu-Blechen bestand, mit Wasserstoff befüllt. Ein 16 PS-Benzin-Motor sorgte für den Antrieb der vier Propeller. Doch schon vor der eigentlichen Jungfernfahrt kam es zur Katastrophe. Das Luftschiff explodierte. Der Westfale Carl Berg glaubte aber weiter an den Erfolg der neuen Technik. Er hatte unterdessen Kontakt zu Ferdinand Graf von Zeppelin aufgenommen und investierte nun in dessen Pläne, denn David Schwarz war 1897 gestorben.

Ein neues Kapitel der Luftfahrt 
So wurde 1899 – aus in Lüdenscheid gefertigten Alu-Teilen – in einer schwimmenden Montagehalle auf dem Bodensee der legendäre LZ1 montiert. Am 2. Juli 1900 stieg er zur Jungfernfahrt auf. Die dauerte 18 Minuten. Zwar gab es danach noch einige technische Rückschläge, auch fehlte es an Kapital, doch in der Geschichte der Luftfahrt begann ein neues Kapitel. Die Lüdenscheider Aluminium-Pioniere waren daran maßgeblich beteiligt. Denn nach Carl Berg stieg auch sein Schwiegersohn Alfred Colsman ins Zeppelin-Geschäft ein. Heute sind die Riesen der Lüfte Kultobjekte und Werbeträger zugleich, und die Aluminium-Herstellung ist im Raum Lüdenscheid immer noch ein Wirtschaftsfaktor.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

 

  • Datum 23. November 2017
  • Schlagwörter Features