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Eisenherz Westfalens tiefer Süden

Eisenherz Westfalens tiefer Süden

Vogelkäfige gehörten zu den typischen Drahtbindeprodukten, um 1900. Foto: Kay Berthold, Klaus Sauerland

„Da fällt mir doch der Draht aus der Mütze!“. Wahrscheinlich war sie „mit heißer Nadel gestrickt“. „Dann schmiede ich doch lieber das Eisen, solange es heiß ist!“. Außerdem habe ich sowieso „mehrere Eisen im Feuer“. Woher kommen diese Redensarten? Ob sie wohl von Eisenschmieden, Drahtziehern und Nadelmachern in Umlauf gebracht wurden? Von denen gab es jedenfalls im Süden von Westfalen viele. Im Jahr 1853 waren dort im Eisenland 660 Gruben aktiv.

Beim Bergbau denkt man in Westfalen allerdings zuerst an Kohle und ans östliche Ruhrgebiet. Also Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Recklinghausen …. Zeche Minister Stein oder Auguste Victoria, Rhein-Elbe oder Ewald …. Dabei hatte einst das Siegerland einige der tiefsten Gruben des europäischen Kontinents. Im 19. Jahrhundert wurde im Zuge der Industrialisierung mehr und mehr Erz gebraucht. Südwestfalen entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des Eisenerzbergbaus und der Weiterverarbeitung. Bis 1965 wurde hier gefördert und es gab hunderte Hüttenplätze. Hergestellt wurde in der Region alles, von der schweren Ofenplatte bis zur ganz feinen Nadel. Davon zeugen Museen, Schaubergwerke und Kulturdenkmäler in der ganzen Region. Und noch heute gibt es metallverarbeitende Betriebe im Siegerland. Kein Wunder, das die Draht- und Nadelherstellung vor allem im nahen Sauerland weit verbreitet war.

Mit Nadel und Faden
Man schrieb das Jahr 1880, als die Feronia unterging, an Bord 100 Millionen Nadeln aus dem Sauerland. „Die Fabriken arbeiten flott und schon in wenigen Wochen wird das verlorene Gut wiederhergestellt sein“, war in der örtlichen Zeitung zu lesen. Im Land der 1.000 Berge war man stolz auf seine Draht- und Nadelmanufakturen. Noch heute werden in Iserlohn verschiedene Spezialnadeln hergestellt. Bis zu 60 cm lang sind die Großen für die Polsterer und selbst fünf Millimeter kleine haben noch ein Loch. Nadeln sind Billigware und doch haben sie die Iserlohner einst reich gemacht – die Masse macht’s. Iserlohn war neben Aachen das Zentrum der deutschen Nadelindustrie. Insbesondere Nähnadeln waren ein ideales Handelsgut: leicht, einfach zu bündeln und nicht verderblich. So entdeckten die Sauerländer Firmen den chinesischen Markt, und das Reich der Mitte blieb lange Zeit einer der wichtigsten Märkte.

Wie die Nadelmacherei früher funktionierte, ist im Iserlohner Stadtteil Baarendorf zu sehen. Die Stanz- und Loch- und Schleifmaschinen in den schmucken Fachwerkhäusern der ehemaligen Fabrikanlage funktionieren noch. An den Wänden hängen bunte Nadelmäppchen, aber auch Zeugnisse von harter Kinderarbeit.

Welt am Draht
Was für die Iserlohner die Nadel ist für die Altonaer der Draht. Unterhalb ihrer spektakulären Burg liegt das Deutsche Drahtmuseum. In der Dauerausstellung mit dem Titel „Vom Kettenhemd zum Supraleiter“ geht es um die Arbeit der Drahtzieher, um Produkte, Herstellungsmethoden und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Multitalents Draht. Es werden Eisen, Kupfer, Messing, Aluminium, Silber, Gold, Edelstahl und unterschiedlichste Kupferlegierungen zu Draht verarbeitet. Er ist in Architektur und Bauwesen unentbehrlich. Elektrizität ohne Draht – wie soll das gehen? Beliebt ist das wandlungsfähige Produkt natürlich auch bei Schmuckherstellern und so manches Musikinstrument brächte ohne ihn keinen Ton heraus. Bei einem Besuch im Deutschen Drahtmuseum Altena kann man auch das wunderschöne Vogelhaus sehen.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

  • Datum 23. November 2017
  • Schlagwörter Features