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Degge Duffeln und tolle Knollen

Degge Duffeln und tolle Knollen

Bildmontage „Ferndorfer Riese“, um 1930, Foto: Herbert Stahlschmidt

Wer erntet eigentlich die dicksten Kartoffeln in Westfalen … ? „Ganz klar“, würden die Ferndorfer sagen, „WIR!“ Denn bei ihnen wachsen Degge Duffeln. Eine davon soll, Anno 1934, so groß gewesen sein, dass sich ein ausgewachsener Mann bequem in ihrem Schatten niederlassen konnte – so heißt es in einer gern erzählten Anekdote. Das kleine Ferndorf gehört zum Kreis Siegen-Wittgenstein und ist Teil der Stadt Kreuztal. Eine Gegend, die auch kulinarisch etwas zu bieten hat. Zum Beispiel Riewekooche, eine Siegerländer Kartoffel-Spezialität, die oft wie ein Kuchen in einer Form gebacken wird. Schmatzebäckel, Klürse bed Schdibb, Sejerlänner Bäckel, Riewewaffeln, Gebroarene Duffeln, Duffelnsobbe, Duffelnsalload gehören auch dazu. „Kartoffeln und Kohl gedeihen wohl am Besten im rauhen Siegerländer Klima … und auch mit wenigen Dingen lässt sich ja etwas Leckeres zaubern“, schreibt der Verein zur Pflege der Dorfgemeinschaft Ferndorf e.V. auf seiner Rezeptseite. Überhaupt ist die westfälische Küche ohne Kartoffeln undenkbar. Es gäbe keinen Pickert, keine Potthucke und auch auf Himmel und Erde müssten wir verzichten.

Königlicher Kartoffelbefehl und Tartoffeli für den Grafen
Doch seit wann wächst die nahrhafte Knolle überhaupt in Westfalen? Der „Alte Fritz“ – also Preußenkönig Friedrich der II. – soll sie eingeführt haben, per Kartoffelbefehl von 1756. Aber der war in Westfalen nicht sehr erfolgreich, weiß der Autor und Historiker Gisbert Strotdrees. In seinem Artikel „Die Kartoffel, der König und das Klima….“ * beschreibt er, wie die Erdäpfel in Westfalen vom Luxusgut für Adelige zum Volksgut wurden. Ursprünglich stammt das vielseitige Nahrungsmittel aus Südamerika, Kolumbus brachte es nach Europa und von Spanien aus eroberte es die „Alte Welt“. 1605 trug Kaspar von Fürstenberg, der auf Burg Bilstein bei Attendorn residierte, in sein Tagebuch ein, sein Sohn wolle dem Grafen zu Rietberg „einem urhanen (Auerhahn) und ettlichen tartoffeli“ verehren. Es sollte aber noch mehr als 100 Jahre dauern, bis die Tartoffeli in den westfälischen Böden wirklich heimisch wurden. Wanderarbeiter mögen sie aus Holland mitgebracht haben und auch von einem Schneider Meier will man wissen, der sie im ostwestfälischen Petershagen einführte.

Die tolle Knolle macht satt … und krank?
Die Vorteile der tollen Knolle lagen auf der Hand: Sie war vergleichsweise leicht anzubauen, gedieh auch auf sandigen Böden und erwies sich bald als gute Ergänzung zum Getreide als wichtigstem Nahrungsmittel. Denn damals war der Ackerbau (nicht nur in Westfalen) geprägt von Monokulturen, insbesondere Roggen stand auf den Feldern. Spielte die Witterung nicht mit, war die Folge nicht selten eine Hungersnot. Dennoch dauerte es eine Weile, bis der Kartoffelanbau und –verzehr in Westfalen selbstverständlich wurde, denn so recht traute man den Erdäpfeln noch nicht. Gisbert Strotdrees schreibt dazu: „So hatten Ärzte das Vorurteil in Umlauf gebracht, dass die Kartoffel, in größeren Mengen genossen, giftig sei. Um 1800 sah sich der Arzt und Agrarpionier Albrecht Thaer genötigt, gegen den Irrglauben zu polemisieren, dass ´Abzehrungen, Hautausschläge, Bleichsucht, Gicht, Krämpfe, Rheumatismus, kurz alle Krankheiten von dem häufigen Genuß der Kartoffel herrühren´.“

Ackersegen und Rosa Tannenzapfen verändern die Welt
Die mutigsten Westfalen haben damals anscheinend im Sauerland gelebt, denn dort setzte sich der Kartoffelanbau zuerst durch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte die Knolle im „Land der tausend Berge“ bereits zu den Hauptanbaufrüchten. Im Minden-Ravensberger-Raum wuchsen sie währenddessen noch überwiegend in Hausgärten. Doch schon bald war die Kartoffel aus den westfälischen Küchen nicht mehr wegzudenken. 1879 brachte der Politiker und Mediziner Rudolf Virchow den Siegeszug der Kartoffel so auf den Punkt: „In wenig mehr als einem Jahrhundert hat diese Frucht nicht nur den Ackerbau, sondern das gesamte gesellschaftliche Leben in Europa auf das mächtigste umgestaltet. Ihre verhältnismäßig großen Erträge machen es möglich, dass auf einer bestimmten Bodenfläche eine ungleich dichtere Bevölkerung sich zu erhalten vermag als der bloße Getreidebau zu nähren im Stande sein würde. Der Kartoffelbau ist die Grundlage für die Existenz des kleinen Mannes in den meisten ländlichen Bezirken geworden. Selbst die Arbeiter und Handwerker der kleinen Städte haben durch ihn eine neue, verhältnismäßig reiche Quelle der Ernährung gewonnen.“
Damals ließ man sich Ackersegen oder Rosa Tannenzapfen schmecken, heute kommen Gloria, Sieglinde oder Linda auf den Tisch. Na dann, Mahlzeit, Mädels!

Mit Dank an Gisbert Strotdrees dessen Artikel Inspiration und Quelle für unsere Kartoffelgeschichte war. Die Kartoffel, der König und das Klima. Wie das „Manna der kleinen Leute“ nach Westfalen kam, von Gisbert Strotdrees in: Samensurium. Zeitschrift des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt, Heft 14, 2003, S. 17-23

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

  • Datum 23. November 2017
  • Schlagwörter Features