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Blut, Schweiß und Tränen …

Blut, Schweiß und Tränen oder „Was uns bewegt …“

Sie pilgern zur Mutter Gottes nach Telgte oder zur Göttin Kamakshi nach Hamm. Sie feiern Sabbat oder brechen das Fasten. In Westfalen gehört religiöse Vielfalt zum Alltag. Das war nicht immer so. Als Berlin – nach 1815 – Beamte in die neue preußische Provinz Westfalen schickte, brachten sie neben preußischer Gründlichkeit auch den Protestantismus mit. Das hatte weitreichende Folgen.
Staat und Kirche: Mischehen und andere Konflikte
Mit den ökonomischen, politischen und sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts verschob sich das konfessionelle Gefüge. Im urkatholischen Sauerland fühlten sich viele Menschen bedroht von den neu zugezogenen Protestanten. In Arnsberg beispielsweise wurde ein Straßenzug mit repräsentativen Wohnungen samt Kirche für die protestantische, preußische Administration errichtet. Aber es entstanden auch diakonische Einrichtungen, wie die von Bodelschwingschen Anstalten Bethel in Bielefeld. Mit der wachsenden Zuwanderung in der Zeit der Industrialisierung kamen dann katholische Migranten aus den Gebieten des heutigen Polens in das konfessionell gemischte Ruhrgebiet.
Es gab Religionsstreitigkeiten, machtpolitisch motivierte Auseinandersetzungen, Maßregelungen, die zu Gegenreaktionen führen und sogar Auswanderungswellen in Westfalen. Sogenannte Mischehen zwischen Partnern verschiedenen Konfessionen erregten die Gemüter. Zwar sollte der Einfluss der Kirche auf den Staat bereits ab 1871 mit Gesetzen zurückgedrängt werden, doch noch in den 1960er Jahren gab es in Westfalen Schulen mit getrennten Toiletten und auf Schulhöfen separaten Bereichen für Protestanten und Katholiken.

Wallfahrten: Beten und Feiern
Ein Ausdruck von Frömmigkeit ist das Pilgern. Mehr als 100.000 Katholiken zieht es in jedem Jahr nachTelgte, um dort die aus Pappelholz geschnitzte Mutter Gottes zu besuchen. Marienverehrung hat eine starke Tradition in den katholischen Gebieten Westfalens. Tausende Pilger zieht auch das jährliche Fest inWarendorf an. Es ist eine einzigartige Kombination von Marienverehrung, Bürgerschützenfest und Mariä Himmelfahrts-Kirmes. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich Wallfahrtstraditionen von Vertriebenen, Aussiedlern und Russlanddeutschen etabliert. Westfalen war eine der größten Aufnahmeregionen für Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten.

Religiöse Vielfalt: bunt und fremd
In den 1840er Jahren gab es in Westfalen Bestrebungen zur Gleichberechtigung der jüdischen Minderheit. 1847 wurden die jüdischen Religionsgemeinschaften erstmals als öffentlich-rechtliche Körperschaften anerkannt. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Arbeitsmigranten aus der Türkei und Südosteuropa, die ihren Glauben in Westfalen etablierten. Das orthodoxe Christentum wurde heimisch. Moscheen wurden gebaut. Und in Hamm entstand einer der größten Hindu-Tempel Europas. Rund um den Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel finden farbenprächtige Prozessionen statt. Sein tamilischer Priester kam 1985 als Bürgerkriegsflüchtling aus Sri Lanka nach Deutschland. Anfangs lebte er im Flüchtlingslager Unna-Massen.

Flüchtlingsquartier: Seismograph der Weltpolitik
In Unna-Massen entstand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein zentrales Aufnahmelager, ein Massenquartier für Flüchtlinge und Vertriebene. Es war eine „Stadt in der Stadt“ mit Kindergarten, Schule, Sportplatz, Kirche und Krankenstation. Zwei bis drei Jahre, so glaubte man, würde diese Einrichtung benötigt. Doch es kam anders: In sechs Jahrzehnten wurden hier mehr als 2,5 Millionen Menschen aufgenommen. Kriege und Bürgerkriege sorgten oftmals für eine dramatische Zunahme der Belegungszahlen. 2009 sollte „Unna-Massen“ endgültig seine Tore schließen, doch obwohl Teile des Areals unterdessen anders genutzt werden, hielten sich im Oktober 2015 wieder durchschnittlich 1.000 Flüchtlinge dort auf.

Neue Heimat: Retortenstadt Espelkamp
Als nach Kriegsende Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und der damaligen sowjetischen Besatzungszone in die westfälischen Regionen kamen, war überall der Wohnraum knapp. Im ostwestfälischen Örtchen Espelkamp lebten viele von ihnen auf dem Gelände der ehemaligen Heeres-Munitionsanstalt Lübbecke (Muna). Auf dem Reißbrett entstand hier das neue Espelkamp, das zur Heimat für zahlreiche Vertriebene wurde. Straßennamen erinnern noch an die Heimatorte der ersten Einwohner. Zur Zeit des Wirtschaftswunders kamen Gastarbeiter nach Espelkamp, vorwiegend aus Griechenland, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Beginnend in den 1970er-Jahren, verstärkt in den achtziger und neunziger Jahren, ließen sich deutschstämmige Spätaussiedler, zum großen Teil Mennoniten aus Russland, Kasachstan und anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks dort nieder.

Zwangsarbeiter: Massaker und Verdrängung
Eine ganz andere Migrationsgeschichte ist die der Zwangsarbeiter in der NS-Zeit. Andersgläubige, politisch Andersdenkende, „Asoziale“, „rassisch Minderwertige“ und Kriegsgefangene wurden inhaftiert und zur Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen gezwungen. Unfassbar und immer noch wenig bekannt ist der menschenunwürdige Umgang mit entlassenen Zwangsarbeitern bis hin zu ihrer Ermordung in der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.
Schauplatz eines solchen Massakers war der Arnsberger Wald, wo bei Suttrop ein Massengrab gefunden wurde. Das amerikanische Militär befahl damals, dass ehemalige NSDAP-Mitglieder die Leichen exhumierten und aufbahrten. Die Bevölkerung wurde an den Ermordeten vorbeigeführt, um sich der Gräueltaten bewusst zu werden. 1947 entdeckte man auch bei Eversberg 80 Hingerichtete und errichtete an der Fundstelle ein großes hölzernes Sühnekreuz. Kaum drei Wochen später wurde es abgesägt. Die Initiatoren des Denkmals beerdigten es an derselben Stelle, um es vor weiterem Vandalismus zu schützen. 1964 bargen Gymnasiasten das Kreuz. Heute steht es in einer Kapelle in Meschede. In der Ausstellung nimmt es einen zentralen Platz ein.

Emigration: Westphalia made in USA
Auch Westfalen verließen ihre Heimat, um ein neues Leben in der Ferne zu beginnen. Gründe dafür gab es viele: die Suche nach Ruhm und Ehre, Flucht vor Armut oder Verfolgung und Tod und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Heute zeugen wenigstens acht „Westphalias“ von westfälischen Stadtgründungen in den USA und auch viele Siedlungen, die nach Orten in der Heimat benannt sind.

Autorin: Waltraud Murauer-Ziebach

 

  • Datum 23. November 2017
  • Schlagwörter Features