Die Projekte
VerbundschuleEine Schule für alle in Billerbeck; Bild: Hanses Creativ Werbeproduktion


Verbundschulen: „Lernen unter einem Dach“ für die Zukunft des ländlichen Raumes

 

Die Förderung von kommunalen Initiativen zur Weiterentwicklung ihres Schulangebots durch die Stiftung Westfalen-Initiative im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat sich zu einem sehr dynamischen schulpolitischen und wissenschaftlichen Projekt entwickelt. Die demographische Entwicklung (in erster Linie der Geburtenrückgang) und das veränderte Bildungsverhalten der Eltern (insbesondere die schwindende Akzeptanz der Hauptschulen), haben dazu geführt, dass Kommunen ihr Sekundarschulangebot „zukunftsfähig“ machen wollen, um als Wohnort für junge Familien und Standort für Betriebsansiedlungen attraktiv zu bleiben. Dabei suchen sie Unterstützung auch von Seiten der Wissenschaft. Im Rahmen des Forschungsprojekts, findet - einerseits - ein wissenschaftliches Monitoring statt, d.h. die fachliche Unterstützung im Prozess der Konzeptentwicklung und Implementierung der einzelnen Schulreformprojekte und - andererseits - die empirische Analyse der damit verbundenen regionalen und überregionalen Prozesse. Finanziert wird dieses Projekt gemeinsam aus Mitteln der Stiftung und Beiträgen der beteiligten Kommunen.

Zunächst bot das 2005 novellierte Schulgesetz NRW als Anknüpfungspunkt für eine Weiterentwicklung lokaler Schulangebotsstrukturen nur das Modell der Verbundschule an d.h. die Erweiterung einer bestehenden Hauptschule oder Realschule durch die jeweils andere Schulform bzw. die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen (§ 83). Die Gemeinden Ostbevern und Everswinkel im Kreis Warendorf, (deren Bürgermeister die Kooperation von Kommunen und Universität angeregt hatten), gehörten zu den ersten, die die Konzeptentwicklung und Bewilligung von Verbundschulen betrieben. Inzwischen sind es knapp 30 Schulen in NRW. Die Schulreforminitiativen der Gemeinden haben sich ausgezahlt: Die Verbundschulen erfreuen sich überall vor Ort und auch bei Eltern in den Nachbargemeinden einer hohen Akzeptanz. Im Rahmen des Projekts wurde, neben dem Monitoring der Einzelprojekte, ein Informationsaustausch und die Kooperation zwischen den Schulen und Gemeinden institutionalisiert, u.a. im Mai auf einer Tagung für die SchulleiterInnen der Verbundschulen in NRW und im November 2009 auf einer Fachtagung zum Thema Internkommunale Konkurrenz und / oder Kooperation. Schulrechtliche Rahmenbedingungen und politische Handlungsoptionen für kommunale Schulentwicklung in NRW angesichts von Prozessen demographischer Schrumpfung. An dieser Tagung nahmen fast hundert für Kommunalpolitiker und Fachbeamte sowie Vertreter des Städte- und Gemeindebunds und des Städtetags NRW teil.

Die nach der Landtagswahl 2010 gebildete neue Regierung hat mit dem Projekt einer Gemeinschaftsschule den Kommunen neue Handlungsoptionen für ihre Schulentwicklungspolitik eröffnet. Es handelt sich um das Angebot an die Gemeinden, im Rahmen eines Schulversuchs (§ 25) eine Sekundarschule zu entwickeln, für deren innere Ausgestaltung unterschiedliche Lösungen zugelassen werden, in der aber u. a. auch gymnasiale Standards sicher gestellt sein sollen. Die Gemeinde Billerbeck (Kreis Coesfeld) unterstützt das Forschungsprojekt von Beginn an unterstützte und entwickelte ein über die Verbundschule hinausgehendes Konzept. Billerbeck gehört zu den beiden Gemeinden im Regierungsbezirk Münster und den 17 Gemeinden in ganz NRW, deren Antrag auf die Errichtung einer Gemeinschaftsschule als Schulversuch Anfang 2011 genehmigt wurde.

Die erfolgreiche Schulentwicklungspolitik der an dem Forschungsprojekt beteiligten Gemeinden hat dazu geführt, dass immer mehr Gemeinden der Region die Ressourcen des Forschungsprojekts für sich nutzen wollen. Aktuell werden im Rahmen des Projekts weitere fünf Gemeinden unterstützt, die in den nächsten Monaten eine revidierte Schulentwicklungsplanung, pädagogische Konzepte und genehmigungsfähige Anträge für die Errichtung von Verbundschulen und Gemeinschaftsschulen erarbeiten wollen, um mit Blick auf die Anmeldungen zum Schuljahr 2012/13 rechtzeitig bei den Eltern mit einer genehmigten neuen Schule am Ort werben zu können.

Es ist ein in hohem Maße praktisches und zugleich auch wissenschaftlich bedeutsames Ergebnis des Forschungsprojektes, dass sich in den letzten Jahren ein prozessuales Muster herausgebildet hat, wie im Rahmen der kommunalen Schulentwicklungspolitik heute der unausweichliche Rück- und Umbau der Schulangebotsstrukturen erfolgreich organisiert werden kann. Die verschiedenen Akteure vor Ort und in der Region müssen rechtzeitig eingebunden werden, damit das Projekt von den politisch Zuständigen (den Ratsfraktionen) mit breiter Mehrheit gebilligt, von den pädagogisch Handelnden (den Lehrerkollegien) getragen und bei den Betroffenen (Familien der Schülerinnen und Schüler) angenommen werden kann. Diese Erfahrungen sind praktische Projektergebnisse, sie gehen in die jeweils neuen Kooperationsprozesse zwischen Wissenschaftlern und Gemeinden ein und sie wurden auch bei einer Anhörung im Schulausschuss des Landstags (Januar 2010), auf einer internationalen wissenschaftlichen Tagung an der Universität Linz (Dezember 2010) und in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Diskussion gestellt (s.u.). Dafür gibt es ein zunehmendes Interesse, denn bei Bildungspolitikern und Bildungsforschern sind Prozesse der regionalen Schulentwicklung ein sehr aktuelles Thema. Die kommunale Schulentwicklungspolitik ist aber bisher ein wenig bearbeitetes Forschungsgebiet.