Die Projekte
Die internationale Kochgruppe


Die Westfalenlotsen machen sich selbstständig

 

Das Projekt Westfalenlotse fügt sich nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Projekte ein, die sich besonders durch ihren offenen und zum Teil experimentellen Charakter auszeichnen. Der ursprüngliche Ansatz wurde im Projektverlauf modifiziert, so dass sogar das Ergebnis ein qualitativ anderes wurde: Statt ausgebildeter Lotsen, die einzelne Neuankömmlinge bei der Orientierung unterstützen, gibt es nur engagierte ausgebildete Lotsen, die weitere Integrationsprojekte durchführen. Dabei lief das Ausbildungsprogramm wie geplant, aber die Gruppendynamik trug ihre Früchte.

 

In dem gemeinsam von der DRK Soziale Arbeit und Bildung gGmbH in Borken und der Stiftung Westfalen-Initiative durchgeführten zweijährigen Projekt wurde zunächst ein Curriculum entwickelt. Damit sollten Menschen aus anderen Herkunftsländern, die bereits im Kreis Borken eine Heimat gefunden haben, dazu ausgebildet werden, neue Zuwanderer durch den Kreis Borken bzw. die westfälische Gesellschaft und ihre Institutionen zu lotsen. Das Ausbildungsprogramm umfasste u.a. die Themenbereiche Kultur, Sport und Gesundheit, die für neu zugewanderte Menschen erschlossen werden sollten. Neben allgemeinen Informationen über Land und Gesellschaft wurden in den Schulungen vor allem kommunikative Kompetenzen vermittelt.

 

In zwei Durchläufen wurden Lotsentrainings durchgeführt, das erste startete im August 2009. Ziel war, Menschen mit Migrationsvorgeschichte kostenlos zu Kulturlotsen, Sportlotsen oder Gesundheitslotsen zu schulen, damit sie Neuzuwanderer entsprechend begleiten können. Der erste Schulungsdurchgang diente der Entwicklung und inhaltlichen Ausarbeitung der Schulung. Gemeinsam mit ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde der Entwurf der Lotsenausbildung optimiert und für die zweite Runde weiter entwickelt.

 

Das Projekt Westfalenlotse zeichnete sich dadurch aus, dass es stadt- und themenübergreifend ansetzte. Ausgehend vom regionalen Ansatz (Kreis Borken) sollte erarbeitet und erprobt werden, ob das erarbeitete Integrationskonzept westfalenweit eingesetzt werden kann. Im Verlauf des Projektes hat sich das Ziel ein wenig in seiner Ausrichtung geändert: Es bestand großes Interesse, eigene ehrenamtliche Projekte aufzubauen, die der Integration von Migrantinnen und Migranten in Borken dienen würden.

 

Das lag auch an der Schwerpunktsetzung während der Ausbildung. Zu Beginn der Schulung wurden die Teilnehmenden u.a. in das Thema Ehrenamt und freiwillige Arbeit eingeführt. Hier hat sich auch die große Gemeinsamkeit zwischen den aus unterschiedlichsten Kulturkreisen stammenden Teilnehmern gezeigt. Darüber hinaus wurden ihnen Ansätze der Projektplanung und -entwicklung vermittelt. Der erste Schritt zum eigenen Projekt war bei den Teilnehmenden stets die Entwicklung einer Projektidee. Im Rahmen eines Ideenworkshops wurden eine Menge kreativer Projektideen entwickelt, die in weiten Einheiten in Projektpläne umgewandelt wurden.

 

Die Evaluation hat ergeben, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Schulung alle sehr zufrieden waren. Sie gaben als Motive für die Mitarbeit den Wunsch nach sozialer Anerkennung wie auch mehr zur Verfügung stehende Zeit an. Die Erwartungen waren, mehr über Deutschland und die eigene Umgebung zu lernen und an Integrationsprojekten aktiv mitzuarbeiten. Besonders der Schulungstag zum Thema Westfalen wurde mehrfach als das Highlight der Schulung angegeben. Schon während der Schulungen sind eine Reihe von Projekten initiiert bzw. angeregt und in die Planung gebracht worden, die auch nach Projektabschluss noch laufen:

 

  • der weitere Ausbau des deutschrussischen Chores WolgaKlang;
  • die internationale Kochgruppe von Frauen;
  • das Projekt „Bewegung für Frauen"
  • ein internationales Sommerfest im DRK 2011 (in Planung)
  • die nach wie vor in etwa 2monatigem Abstand stattfindenden Treffen aller Lotsen (aus beiden Schulungen).

 

Zudem sind den Teilnehmenden gleichzeitig Qualifikationen vermittelt worden, die im beruflichen Alltag anwendbar sind. Einige Absolventen sind nach Abschluss der Schulung in Arbeitsverhältnisse (zum Teil im Rahmen des Angebotes des DRK) übernommen worden. Gleichzeitig stehen diese Personen aber zusätzlich noch weiterhin als ehrenamtlich tätige Westfalenlotsen zu Verfügung.

Das Projekt hat eine Eigendynamik entwickelt, die von den Initiatoren nicht erwartet wurde. Die ausgebildeten Lotsen hatten sich entschlossen, selbständig weiter zu machen und Projekte zur Integration zugewanderter Mitbürger zu starten. Die verstetigten Projekte liefen 2011 auch ohne externe Unterstützung und ohne Finanzierung durch die Stiftung weiter.

So hatte der Chor Wolgaklang (Leitung: André Keller und Natalia Bäcker) einen eigenen Verein gegründet und ist nun nicht mehr nur ehrenamtlich tätig, sondern über Herrn Keller für kleines Geld zu engagieren. Der Chor hatte schon mehrere öffentliche Auftritte bei regionalen Veranstaltungen, Vereinsfeierlichkeiten in Senioreneinrichtungen, bei Familienfesten etc.  Die serbischstämmige  Marianna Dzambic  leitet weiterhin ehrenamtlich einmal wöchentlich einen Deutschsprachkurs für Mütter in der DRK KITA Spielwiese in Borken. Die Westfalenlotsin Selda Temur leitet weiter einmal pro Monat die multikulturelle Kochgruppe in Borken. Weiterhin unterstützt sie ehrenamtlich regionale Veranstaltungen der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Borken und bietet türkischen Tee und Gebäck an.

Kristina Dresar, die slowenische Wurzeln hat, bietet seit über einem Jahr wöchentlich das "Nähkörbchen", einen multikulturellen Nähtreff, an. Die iranischstämmige Westfalenlotsin Simin Karimi  ist von Borken nach Velen gezogen und leitet dort nun einmal pro Woche einen interkulturellen Frauentreff. Vorher gab es dort kein Angebot für Zuwanderer. Daraus hat sie Teilnehmer für einen Deutsch-Grammatikkurs akquiriert, den sie ebenfalls ehrenamtlich einmal wöchentlich leitet. Gedanklich ist sie schon bei der Organisation eines multikulturellen Stadtfestes im nächsten oder übernächsten Jahr. Maria Jesus-Schmidt, die portugiesische Wurzeln hat, unterstützt das DRK Borken ehrenamtlich bei der Kinderbetreuung während der in dort angebotenen ehrenamtlichen Deutschsprachkurse.

Alle Westfalenlotsen haben das DRK bei der Vorbereitung und Durchführung des DRK-Familienfestes 2011 tatkräftig unterstützt, so dass es einen multikulturellen Schwerpunkt hatte: So gab es musikalische und tänzerische Darbietungen aus unterschiedlichen Ländern und sieben  "Länderhütten", in denen kulinarische Köstlichkeiten verkauft und kulturelle Besonderheiten ausgestellt wurden. Es zeigt sich, dass die Lotsenausbildung für nachhaltiges Engagement bei den ausgebildeten Westfalenlotsen gesorgt hat. Das Projekt kann so als vorbildliches Pilotprojekt gelten, das viele Nachahmer finden sollte, um das bürgerschaftliche Engagement von Migranten zu stärken. Es zeigt sich auch hier, wie wichtig die Vermittlung von Know-how für die Förderung des Engagements ist.